Zuger Kanti-Boom führt zu Schulneubauten

Immer mehr Primarschüler wollen in die Kantonsschule. Die Kanti in Zug platzt deshalb längst aus den Nähten. In Menzingen wird demnächst die Erweiterung gefeiert. Und in Cham steckt eine weitere Kanti in den Startlöchern. Doch damit sind noch nicht alle Probleme gelöst.

Kantonsschulen sind «in»: Wie in der restlichen Schweiz drängen auch in Zug immer mehr Schüler ins Gymnasium, um die Matura abzuschliessen. Kein Wunder: Denn warum soll man als Schüler den beschwerlichen Umweg über die Berufsmatura wählen oder erst nach der Sekundarschule ins Kurzzeitgymnasium – wenn man gleich nach der Primarschule in die Kanti gehen könnte. Doch das ist nicht der einzige Grund. Auch wegen der vielen Ausländer im Kanton Zug, die aus ihren Heimatländern viel höhere Gymnasialquoten kennen und ihre Kinder deshalb liebend gerne in die hiesige Kantonsschule schicken würden, platzen die Zuger Kantonsschulen in Zug und Menzingen aus allen Nähten.

Zuger Campus immer mehr verdichtet, Menzingen nun erweitert
Der Campus der Zuger Kantonsschule am Lüssiweg ist aufgrund des gymnasialen Booms in den letzten Jahren immer stärker verdichtet worden. Zuerst wurde 2016 ein Provisorium für weitere Klassenräume errichtet. Im Augenblick wird an der neuen Dreifachturnhalle gebaut, die im Dezember fertiggestellt sein soll. «In Zug unterrichten wir derzeit 1’440 Kantonsschüler in 73 Klassen», sagt Zugs Bildungsdirektor Stephan Schleiss. Diese Schülerzahl soll langfristig etwas sinken – weil einerseits nun in Menzingen die Schülerzahl an der Kantonsschule durch Umbau und Erweiterung auf künftig 560 Schüler in 28 Klassen aufgestockt werden kann.

Den Umbau und die Erweiterung der Kantonsschule Menzingen hat man sich mit 110 Millionen Franken inklusive Landerwerb einiges kosten lassen. Dabei wurde das denkmalgeschützte Hauptgebäude abgerissen und im exakt gleichen Stil wieder aufgebaut. Die bisherige Einfachturnhalle wurde saniert. Der Clou ist eine unterirdische Zweifachturnhalle, in die auch von oben Tageslicht einströmt. Am 16. August wird die Anlage der Schule offiziell übergeben und eingesegnet. Der Tag der offenen Tür findet dann am 22. September statt.

Kanti im Ennetsee soll für weitere Entlastung sorgen
Der Umbau und die Erweiterung der Kantonschule Menzingen entschärft den Kanti-Engpass kurzfristig. Vor allem die geplante Kantonsschule in Cham soll weitere Abhilfe schaffen und künftige Kantonsschüler aus dem Ennetsee aufnehmen können: Raum für rund 600 Schüler in 30 Klassen ist dort vorgesehen. 2026 ist als Termin für die Fertigstellung anvisiert. «Über die genauen Kosten lässt sich noch nichts sagen», so der SVP-Regierungsrat. Allerdings soll es keinen so noblen «Zuger Finish» mehr wie in Menzingen geben.

Doch bis die Kanti im Ennetsee steht, ist es noch ein langer Weg. Bis jetzt hat der Kanton den Kauf des rund 40’000 Quadratmeter grossen Grundstücks Allmendhof direkt neben der Röhrliberg-Sekundarschule für 40 Millionen Franken ausgehandelt. Wobei die Gemeinde Cham den Kanton mit 20 Millionen Franken aus den eingenommenen Grundstücksgewinnsteuern alimentiert.

«Die Umzonung des künftigen Kanti-Areals von der Landwirtschaftszone in eine Zone des öffentlichen Interesses für Bauten (öIB) soll vom Chamer Stimmvolk nach Möglichkeit noch in diesem Jahr abgesegnet werden», sagt der Zuger Bildungsdirektor. Durch die Bebauungsplanpflicht werde das Stimmvolk zu einem späteren Zeitpunkt nochmals darüber abstimmen, wie die Bebauung auf dem Areal genau aussehen wird – und damit die wesentlichen Grundzüge des Projektes festlegen.

Bauer macht einen Erlös von 16 Millionen Franken durch Grundstücksverkauf
Bis jetzt kann sich nur der schlaue Bauer freuen, dem das Grundstück gehört hat. Er erzielte mit dem Verkauf einen Nettoerlös von sage und schreibe 16 Millionen Franken. Doch die Kantonsschule Cham, die der Kantonsrat 2004 schon einmal im Richtplan verankerte, dann aber nach Menzingen verlegte (weil besagter Bauer damals noch nicht verkaufen wollte), wird auf jeden Fall kommen. Denn sie wird, wie gesagt, gebraucht, um die zunehmenden Schülerzahlen aufzufangen. «Bis 2030 gehen wir von rund 2’300 Kantischülern aus», sagt Schleiss – basierend auf der Annahme von rund 20 Prozent Zuger Schülern pro Jahrgang, die sich fürs Langzeitgymi entscheiden. Wohlgemerkt: entscheiden dürfen.

Übertrittsverfahren in Zug arbiträr: keine Tests
Denn die zentrale Frage bleibt: Wer darf grundsätzlich künftig überhaupt in die Zuger Kantonsschulen gehen? Während nämlich Zürich und andere Kantone nach wie vor für all diejenigen einen Test vorschreiben, die in die Kantonsschule wollen, wirkt das Verfahren in Zug arbiträr – weil es Räume für persönliche Befindlichkeiten offenlässt. Zwar gibt es in Zug eine Notenschnittempfehlung für den Kantiübertritt von Primarschülern. Doch die entscheidende und fast unerschütterliche Gewalt sind am Ende immer die Lehrer, die einen Kantiübertritt zulassen oder nicht. Was verständlicherweise nicht allen Eltern gefällt und was andererseits die Lehrer ihrerseits immer wieder unter Druck seitens der Eltern setzt.

Grosse Unterschiede bei den Kanti-Quoten in Zuger Gemeinden
Zudem weiss man ja, dass infolge der Zuger Praxis die Kanti-Übertrittsquoten in den einzelnen Zuger Gemeinden stark schwanken – von Baar mit rund 16 Prozent pro Jahrgang bis zu Zug mit über 30 Prozent. «Die Wissenschaft propagiert heute ein Übertrittsverfahren, das auf drei Säulen steht», erklärt Schleiss. Sprich: Die Erfahrungsnoten der 5. und 6. Klasse, die aktuelle Leistungsfähigkeit in Form eines Tests sowie das künftige Potenzial des Schülers durch das Urteil des Lehrers. «Vom Aspekt der Objektivität beziehungsweise der Gerechtigkeit her, wäre das sicherlich das Optimum», räumt der Zuger Bildungsdirektor ein. Dies zeige auch der aktuelle Bildungsbericht 2018. Es gibt also noch viel zu tun in Sachen Kanti in Zug.