Von Auffangnetzen und Kletterparks

150-Jahr-Jubiläum

Ich freue mich ausserordentlich, dass ich heute bei Ihnen sein darf – als Landammann, als Bildungsdirektor, aber natürlich auch ganz einfach als Zuger.

Als Landammann überbringe ich Ihnen die besten Wünsche und Grüsse der ganzen Zuger Regierung. Damit verbunden auch ein grosses Dankeschön für die ausgezeichnete Zusammenarbeit und unsere langjährige Partnerschaft. Als Bildungsdirektor bin ich einfach nur stolz und glücklich, dass wir heute 130 Jahre Heilpädagogisches Zentrum Hagendorn feiern dürfen.

Vermutlich können Sie nicht alle das Bild erkennen, das ich gerade hoch halte. Aber das sind auf jeden Fall die Beine von Otto Lilienthal, bei einem Segelflug im Jahr 1891 am Spitzberg zwischen Krielow und Derwitz. Mit dem Flugpionier Otto Lilienthal hat die Menschheit fliegen gelernt. 1891, das war rund zwei Jahre nachdem diese Liegenschaft dem Kinderheim Hagendorn unter der Leitung Menzinger Schwestern zur Verfügung gestellt wurde – und zwar für ein Waisenhaus mit 13 Kindern. Ein Bild der Spitzentechnologie von damals.

Nach diesem kleinen historischen Exkurs ganz schnell zurück in die Gegenwart. In die Gegenwart, wo es ganz viele Aufgaben gibt.

Der Bildungsbericht 2018 zeigt in aller Deutlichkeit, dass die Schüler- und die  Studentenzahlen und damit die Bildungsausgaben in den nächsten Jahren massiv ansteigen werden. Da die Mittel auch in Zukunft nicht unendlich sein werden, muss es in der Konsequenz darum gehen, Schwerpunkte zu bilden und eine Auswahl zu treffen. Das ist die Aufgabe der Bildungspolitik.

Nun, warum sage ich Ihnen das alles? Noch dazu an einem Geburtstagsfest? Weil wir aufpassen müssen, dass wir die richtigen Schwerpunkte setzen. Und das ist einfacher gesagt als getan. Es vergeht kein Tag, an dem nicht irgendwer mit einer neuen Idee und einer neuen Aufgabe an die Schule herantritt. Überall soll es noch eine Hilfestellung mehr geben, eine Anleitung mehr geben, eine Präzisierung mehr geben. Das Bessere ist der Feind des Guten. Wir alle kennen die Terminologie der bildungspolitischen Betriebsamkeit bestens.

In dieser Hektik ist es unverzichtbar, dass wir als Gesellschaft den Überblick nicht verlieren. Was wollen und was müssen wir wirklich? Wir alle wissen – und hier am HZH weiss man es sehr genau –, dass nicht jeder «seines Glückes eigener Schmied» sein kann. Aber wir alle wissen auch: eine sehr grosse Mehrheit kann das. Eine sehr grosse Mehrheit von uns kann für sich selber verantwortlich sein.

Aber handeln wir auch danach? Wo es früher einen breiten gesellschaftlichen Konsens gab, dass es ein Auffangnetz und eine Hilfe für die Schwächsten geben soll, wird heute – um beim Bild zu bleiben – ein Kletterpark gebaut, der jedes noch so individuelle Bedürfnis abdecken soll. Überall noch ein Seil mehr, noch ein Leiterchen mehr, noch eine Steighilfe mehr. Dabei müssen wir aufpassen, dass am Schluss noch genug Mittel für die zur Verfügung stehen, die eben nicht ihres Glückes eigener Schmied sein können. Für die, die nicht ein Leiterchen mehr, sondern ein sehr gutes Auffangnetz brauchen.

Der Wert einer Gesellschaft zeigt sich darin, wie wir mit unseren Schwächsten umgehen. Damit es diesen Schwächsten auch in Zukunft immer gut gehen wird – und es soll ihnen sehr gut gehen! –, müssen wir mit den anderen wieder ein bisschen strenger werden. Das wird Letzteren nicht schaden – ganz im Gegenteil. Zu viele Steighilfen und zu viele künstliche Griffe sind sowieso nicht gut, um bergsteigen zu lernen. Und den Ersteren wird es helfen.

Genau so muss es sein und nicht anders. Happy Birthday, Heilpädagogisches Zentrum Hagendorn, und auf die nächsten 130 Jahre! Wir alle sind unglaublich stolz und dankbar, was hier am HZH tagtäglich geleistet wird. Ein riesiges Dankeschön von mir und der ganzen Zuger Regierung.