Vom Zweck der Matura

Maturafeier KSZ/KSM

Liebe Maturandinnen und Maturanden, ich gratuliere Ihnen ganz herzlich zu Ihrem Abschluss. Sie haben ein wichtiges Ziel erreicht. Ich bedanke mich bei Ihnen, liebe Eltern und Angehörige, für Ihren Beitrag zu diesem Meilenstein in der Bildungsbiographie Ihrer Töchter und Söhne. Und ich bedanke mich beim Lehrkörper und bei der Schulleitung für das grosse Engagement, das dazu auch nötig war.

Ihnen allen darf ich die besten Wünsche und Grüsse der ganzen Zuger Regierung überbringen. Der ganze Regierungsrat freut sich mit Ihnen am heutigen Tag.

Liebe Maturandinnen und Maturanden, sehr geehrte Damen und Herren
Über was freuen wir uns heute? Was feiern wir heute?

Ich habe dort nachgeschaut, wo ich eigentlich immer nachschaue, wenn ich mir ein Bild machen will, nämlich in den gesetzlichen Grundlagen. Und die Antworten habe ich in der Verordnung des Bundes über die Anerkennung von gymnasialen Maturitätsausweisen vom 15. Februar 1995 gefunden. Dort steht drin, was wir heute feiern, welches Ziel Sie, liebe Maturandinnen und Maturanden, mit dem heutigen Tag erreichen. Ich zitiere Artikel 5:

«Ziel der Maturitätsschulen ist es, Schülerinnen und Schülern im Hinblick auf ein lebenslanges Lernen grundlegende Kenntnisse zu vermitteln sowie ihre geistige Offenheit und die Fähigkeit zum selbständigen Urteilen zu fördern.
Die Schulen streben eine breit gefächerte, ausgewogene und kohärente Bildung an, nicht aber eine fachspezifische oder berufliche Ausbildung. Die Schülerinnen und Schüler gelangen zu jener persönlichen Reife, die Voraussetzung für ein Hochschulstudium ist und die sie auf anspruchsvolle Aufgaben in der Gesellschaft vorbereitet.
Die Schulen fördern gleichzeitig die Intelligenz, die Willenskraft, die Sensibilität in ethischen und musischen Belangen sowie die physischen Fähigkeiten ihrer Schülerinnen und Schüler.»

Ich möchte zwei Punkte aus diesem wunderbaren Zweckartikel noch etwas ausführen. Im ersten Punkt stehen mehr Sie, liebe Maturandinnen und Maturanden, im Fokus. Im zweiten Punkt geht es dann mehr um das Gymnasium selber.
 
Zum ersten Punkt, zu Ihnen, liebe Maturandinnen und Maturanden... «Die Schülerinnen und Schüler gelangen zu jener persönlichen Reife, die sie auf anspruchsvolle Aufgaben in der Gesellschaft vorbereitet...  die Schulen fördern die Willenskraft und die Sensibilität...» Das heisst: Sich aufregen und betroffen sein reichen ab heute nicht mehr. Auf der Zuschauertribüne zu sitzen und ein Leben nach dem Motto «me, myself and I» zu führen, das erfüllt nicht. Liebe Maturandinnen und Maturanden, damit will ich Ihnen nichts unterstellen oder Ihnen gar Angst machen. Im Gegenteil. Ich will Ihnen Mut machen: Sie gehören nicht auf die Tribüne des Lebens, sie gehören definitiv aufs Spielfeld des Lebens. Einige von Ihnen haben den ersten Schritt zum Beispiel schon als Leiterinnen und Leiter in einem Verein oder in der Pfadi bzw. der Jungwacht gemacht. Ich denke ganz besonders auch an diejenigen untern Ihnen, die den Militärdienst oder Zivildienst bereits angefangen haben oder unmittelbar davor stehen. Auf dem Spielfeld des Lebens gehen die anspruchsvollen Aufgaben nie aus. Sie sind für diese Aufgaben bestens gerüstet. Diese Aufgaben sind selten einfach, aber immer sehr erfüllend. Sie sind sozusagen das Salz in der Suppe des Lebens.

Zum zweiter Punkt: «Die Schulen fördern die Intelligenz... die Schulen vermitteln die Geistige Offenheit und die Fähigkeit zum selbständigen Urteilen.» Auf den Punkt gebracht: Es geht darum, selber denken und urteilen zu lernen. Das ist sozusagen das Kernanliegen der klassischen Bildung. Auch das ist ein wichtiger Zweck des Gymnasiums. Was aber darf das Gymnasium nicht sein? Ganz sicher fehl am Platz wäre eine nervöse Suche nach Nützlichkeit – eine nervöse Suche nach Sinn und Zweck vor dem Hintergrund der unzähligen Themen und Gegenstände, die vom Zeitgeist und von den Aposteln des Zeitgeists gerade durchs «Global Village» getrieben werden... Das darf es bei aller Weltoffenheit nicht sein. Operative Bildungshektik ist ganz sicher nicht der Zweck des Gymnasiums. Es ist immer um klassische Bildung gegangen. Es geht heute um klassische Bildung, und es muss am Gymnasium auch morgen noch um klassische Bildung gehen. «Bildung ist kein Arsenal, Bildung ist ein Horizont», so hat das der öster-reichische Philosoph Hans Blumenberg wunderbar auf den Punkt gebracht.

Das Gymnasium führt zum Horizont – auch das feiern wir heute. Und diesen Horizont, liebe Maturandinnen und Maturanden, dürfen Sie jetzt erweitern … die Erweiterung des Horizonts steht unmittelbar bevor.

Der Start an der Hochschule ist immer ein Kaltstart für alle. Darum ist es auch gut, wenn man diesen Start möglichst zügig anpackt. Die ersten Wochen an der Uni oder ETH sind keine Geburtstagsparty und kein Po-nyhof, für niemanden. Diese Erfahrungen machen alle im ersten Semester. Mit der Zeit werden Sie aber den roten Faden erkennen, sich orientieren können und zusammen mit ihren Mitstudentinnen und Mitstudenten auch im Studium Fahrt aufnehmen.

Freuen Sie sich auf Ihr Studium! Geniessen Sie Ihr Studium! Ich selber habe es während 14 Semestern genossen, ganz so lange müssen Sie es vielleicht nicht machen – aber in Gottes Namen...

Ich wünsche Ihnen allen...  wir wünschen Ihnen allen auf dieser spannenden Reise – zu sich selber und weiter in die Gesellschaft hinein – von ganzem Herzen alles Gute!