Totalitär bleibt totalitär

Vernissage «ERNSTFALL! - Die Schweiz im Kalten Krieg»

Ich freue mich sehr, Sie heute zur Eröffnung der Sonderausstellung «ERNSTFALL! – Die Schweiz im Kalten Krieg» begrüssen zu dürfen. Die letzten Sonderausstellungen der Burg Zug waren allesamt hervorragend inszeniert und rekordmässig gut besucht. Ich bin überzeugt, dass auch diese neue Sonderausstellung eine sehr gute Resonanz beim Publikum erzielen wird.

Der Kalte Krieg endete vor 30 Jahren nach 45 Jahren Dauer. So gut wie jeder Mensch im Segment «Ü30» hat noch Erinnerungen an diese Zeit. Die letztverfügbare Bevölkerungsstatistik des Kantons Zug datiert per Ende 2017. Damals gab es 125'000 Einwohnerinnen und Einwohner, 90'000 davon hatten Jahrgang 1989 oder älter.

Die Vorbereitungen auf den Ernstfall waren in der Schweiz ganz besonders gewissenhaft. Und sie haben sich nicht auf das Militär beschränkt, sondern alle Felder unseres Zusammenlebens bestrichen. Immerhin bereitete man sich auf einen totalen Krieg vor. (Randbemerkung: In der militärischen Stabsarbeit wird zwischen Einsatzplanung und Einsatzführung unterschieden. Bei der Einsatzplanung richtet man sich am gefährlichsten Fall aus, bei der Einsatzführung dann am wahrscheinlichsten Fall.) Und genau wegen dieser gewissenhaften, tiefen Vorbereitung hat jeder und jede von Ihnen auch noch lebhafte Erinnerungen an den Kalten Krieg in der Schweiz.

Damals standen sich zwei Blöcke gegenüber, aber es standen sich nicht zwei wertfreie Blöcke gegenüber. In einem Block wurden Freiheitsrechte grossmehrheitlich geachtet, im anderen Block grossmehrheitlich missachtet. Wer die stalinistischen Verbrechen vergleichen will, wird nicht im westlichen Block und auch nicht im Antikommunismus fündig, sondern im Totalitarismus.

Totalitär bleibt totalitär – und die Furcht vor totalitären Systemen war im Kalten Krieg berechtigt, und sie ist es noch heute. Daran ist mit Nachdruck zu erinnern, bevor wir rückblickend der Verlockung erliegen, von zwei scheinbar wertfreien Blöcken und gegenseitiger Hysterie zu sprechen.

Wenn man einen totalitären Nachbarn hat, tut man nur gut daran, sich entsprechend vor ihm zu schützen. Wer den Schutz vor und die Abwehr von Totalitarismus in die Nähe von Hysterie rückt, stellt sich – bewusst oder unbewusst – in den Dienst totalitärer Rhetorik. Gegen eine solche Darstellung des Kalten Krieges – sei es in den Medien, Museen oder auch Schulstuben – müssen wir uns wehren, wenn wir den Totalitarismus nicht verharmlosen wollen.

Unsere Vergangenheit und unser Bezug zum Kalten Krieg sind und bleiben wichtige Eckwerte, um die heutige Zeit einzuordnen und zu verstehen. Auch für unsere Schülerinnen und Schüler bildet das Thema ein relevanter Bezugspunkt zum heutigen Stand der Schweiz und der Schweizer Gesellschaft.

Was der Kalte Krieg für ein kleines Land hiess, das militärisch neutral zwischen den Blöcken stand, und sich wirtschaftlich, politisch und kulturell doch dem Westen zugehörig fühlte, vermittelt die heute eröffnete Ausstellung.

Ich freue mich auf den Rundgang in der Ausstellung und wünsche auch Ihnen eine spannende Reise in die nahe Vergangenheit unseres Landes.