Stephan Schleiss geniesst die Freiheit im Sattel

Der Steinhauser Regierungsratskandidat Stephan Schleiss (45) tritt in seiner spärlichen Freizeit gern in die Pedale. Im Fall einer Wiederwahl würde er aus einem besonderen Grund aber beruflich einen Gang höher schalten.

Freiheit kann sich in einem Hausschlüssel und einer 20-Franken-Note ausdrücken. Mehr hat Stephan Schleiss nämlich nicht dabei, wenn er mit dem Rennvelo unterwegs ist. Das ist der 45-Jährige als Teil des Veloclubs Steinhausen nach Möglichkeit zweimal wöchentlich während zweier Stunden sowie einer anschliessenden Extrarunde – in einem Lokal sitzend beim Bier.

Es soll natürlich kein falscher Eindruck entstehen: Der SVP-Regierungsrat arbeitet gern, versichert er. Aber als er 2013, etwas über zwei Jahre nach seinem Amtsantritt, «nach einer brutal anstrengenden ersten Zeit» von einem Bekannten «überredet» worden sei, dem Veloclub beizutreten, war er dankbar. «Ich hatte das tiefe Bedürfnis, draussen zu sein und Sport zu treiben.» Augenscheinlich tut es ihm gut, wenn man Aufnahmen aus seiner Anfangszeit im Regierungsrat betrachtet: Das gegelte Haar ist zwar weniger geworden, aber er sieht deutlich fitter aus.

Der 45-Jährige fährt im Jahr mit dem Rennvelo zwar nur gut 500 Kilometer, dazu kommen aber noch rund 2000 Kilometer Arbeitsweg, den er in der Regel mit dem Velo bewältigt. Wie Augenzeugen berichten, legt er manche Kilometer so schnell zurück, dass er beinahe seinem Ford Mustang Konkurrenz machen könnte.

Wäre es seine letzte Legislatur?
Schnell und zielstrebig, das ist der Steinhauser nicht nur im Sattel. Er machte Karriere in der Wirtschaft, im Militär und in der Politik. Seit bald acht Jahren ist er Berufspolitiker. Er würde das gern bleiben, wie bis anhin als Bildungsdirektor. Die Gefahr des Sesselklebens bestehe indes nicht. «Drei Legislaturen im Regierungsrat sind optimal, das habe ich schon als Kantonsrat beobachtet», sagt er, um auszuführen: «In der ersten arbeitet man sich ein, danach gestaltet man aktiv mit, auch in der dritten noch ohne an Flughöhe zu verlieren.»

Heisst das, die bevorstehende Legislatur wäre seine letzte im Regierungsrat? «Das kann ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen», behauptet Schleiss dann. Klar sei nur, «dass ich nicht als Regierungsrat bis zur Pensionierung durchseuche».

Seit dem 1. Januar 2017 ist Schleiss der oberste Deutschschweizer Bildungsdirektor, er steht der Konferenz der sogenannten Erziehungsdirektoren vor. Dieser Begriff stammt aus einer Zeit, in der Linkshänder in der Schule noch zu Rechtshändern umfunktioniert wurden und Ohrfeigen als Disziplinierungsmassnahme zulässig waren.

Heutzutage stellt sich die Frage, inwieweit Erziehung Aufgabe der Schule ist. Schleiss weiss um die Berichte von Lehrern über ständig steigende Ansprüche seitens der Eltern. Das gilt auch für die Erreichbarkeit. WhatsApp-Nachrichten mit Fragen lang nach Schulschluss und damit verbundenen Gewissensbissen sind dem Vernehmen nach keine Seltenheit. Stephan Schleiss erkennt darin die Mühe der Lehrer, sich abzugrenzen. «Man muss klare Grenzen ziehen können. Manche Lehrer meinen es einfach zu gut», habe er festgestellt.

Seinem Departement sind gegenwärtig auch das Sport- und das Kulturamt unterstellt. Das kulturelle Umfeld sei grösstenteils Neuland für ihn gewesen. «Es ist bereichernd und lehrreich», sagt er. Auch der Bildungsdirektor lernt also noch dazu, wenngleich die Schulzeit des 45-Jährigen schon eine ganze Weile zurückliegt.

Würde er heute gern zur Schule gehen? Es ist die einzige Frage, bei der der beredte und offene Schleiss vor der Antwort länger überlegt. «Ich denke schon», sagt er, «denn es wird mehr Wert auf das Auftreten und die Persönlichkeitsschulung gelegt als zu meiner Zeit, etwa durch Präsentationen oder durch Debattieren in der Gruppe – das würde mir gefallen.» Fehlen würde ihm hingegen das Wetteifern mit anderen Schülern. Damit meint er: Früher gab es keine verschiedenen Niveaus, sondern nur eine Note pro Fach, die man mit den andern vergleichen konnte.

Schleiss vertritt politisch konservative Werte, dennoch ist er offen für Neues. Das muss er auch sein in seiner Funktion: Die Schule versucht mit den beruflichen und gesellschaftlichen Veränderungen Schritt zu halten und ist deshalb einem steten Wandel unterworfen. Zu den laufenden Reformen gehört nicht zuletzt der viel diskutierte Lehrplan 21, der erstmals Deutschschweiz-weit einheitliche schulische Zielvorgaben festlegt. Zug führt ihn als einer der letzten Kantone auf das Schuljahr 2019/20 hin ein. Stephan Schleiss hat darauf hingearbeitet, denn die Zuger Schulen sollen sich nicht mit den Kinderkrankheiten herumschlagen müssen.

Keine Lösung für die Gymnasialquote
Ein Thema, das dem Bildungsdirektor nach eigener Aussage Sorge bereitet, ist «der gesellschaftliche Drang ins Langzeitgymnasium»: In jüngerer Vergangenheit haben regelmässig über 20 Prozent aller Sechstklässler an eine Kantonsschule gewechselt. Schleiss spricht seit Jahren davon, diese Quote zu senken. Dies, um die Sekundarschule zu stärken, die nach seiner Überzeugung «das Filetstück» im Schulsystem sei. Bis anhin konnte er keinen Weg aufzeigen, wie das gelingen soll. «Es werden laufend Möglichkeiten diskutiert, aber es ist noch nichts spruchreif.» Klar sei einzig, wie Schleiss das schon früher erwähnt hat, dass die Wiedereinführung der Kantiprüfung gegenwärtig kein Thema sei.

Würde Schleiss am 7. Oktober gewählt, würde die Gymnasialquote nicht seine einzige Herausforderung bleiben. Denn zu den Aufgaben in seinem Departement würden sich weitere gesellen: Er würde turnusgemäss Zuger Landammann werden. «Ich würde mich auf diese zusätzliche Herausforderung freuen», sagt er. Selbst wenn er das Rennvelo deshalb während der nächsten zwei Jahre vermutlich seltener aus dem Keller holen würde.