Maturafeier Kantonsschule Menzingen

Sehr geehrter Herr Rektor
Sehr geehrte Herren Prorektoren und Mitglieder der Schulleitung
Liebe Lehrerinnen und Lehrer
Liebe Eltern, liebe Gäste
Und vor allem natürlich: Liebe Maturandinnen und Maturanden

Ich freue mich ausserordentlich, dass ich heute bei Ihnen sein darf.

Matura kommt von «maturitas», lateinisch für Reife. Am heutigen Abend, geschätzte Anwesende, endet also ganz offiziell die Pubertät. Ich glaube, aus diesem Grund haben sich meine Eltern seinerzeit fast noch mehr über meine Matura gefreut als ich mich selber… Vielleicht geht es Ihnen, liebe Eltern, ja ähnlich. Freuen Sie sich aber nicht zu früh. Trotz Bologna-effizientem Studium kann sich der Reifeprozess erfahrungsgemäss noch einige Jahre hinziehen … und an der Universität gibt es nach wie vor — und Gott sei Dank, möchte ich gerade anfügen — immer noch viele Ablenkungsmöglichkeiten. Und für das Ende der Pubertät gilt selbstverständlich auch, dass alle Probleme, die Sie ab heute noch mit Ihren Söhnen und Töchtern haben, ab sofort nicht mehr natürlich sind, sondern einer professionellen Abklärung bedürfen…

Liebe Eltern, es ist in Ordnung, dass Sie sich heute freuen. Was wir heute feiern dürfen, ist auch Ihr Verdienst. Und Sie können mit einiger Gewissheit davon ausgehen, dass Sie das dann auch an der Abschlussfeier der Universität wieder hören werden — völlig zu Recht. Sie bleiben auch in den kommenden Jahren gefragt und wichtig, Reife hin oder her.

Und damit zu Ihnen, liebe Maturandinnen und Maturanden: Ich gratuliere Ihnen zur bestandenen Matura! Mit den Fähigkeiten steigt die Verantwortung, steigt die Selbstverantwor-tung. Und Selbstverantwortung ist nicht nur eine «hohle Phrase».

Selbstverantwortung ist das Gegenkonzept zur Erwartungshaltung ge-genüber dem Staat. Ich muss das entsprechende Kennedy-Zitat nicht bemühen; ich bin mir sicher, dass Sie es kennen… Ich gebe Ihnen ein anderes Zitat mit auf den Weg: «Wenn jeder für sich schaut, dann ist für alle geschaut» … Ein ungeheuerliches Zitat … unfair, egoistisch… man muss protestieren: «Nie und nimmer sind alle Menschen befähigt, für sich selber zu schauen!» Das stimmt. Alle können das nicht. Aber Sie können es, liebe Maturandin-nen und Maturanden. Ganz sicher in ein paar Jahren, wenn Sie das Stu-dium dann im Sack haben. Und Sie sind noch zu sehr viel mehr befähigt.

Diese Fähigkeiten sind nicht nur ein gutes Ruhekissen, sondern vor allem ein gutes Fundament, um dann über sich hinaus und im Sinn und Geist von Kennedy, im Grossen und im Kleinen, Verantwortung für sein Land zu übernehmen. Das kann in einem Verein sein, in einer Partei, in der Pfadi, im Militärdienst oder auch im Zivildienst oder irgendwo sonst im öffentlichen Leben — wer sich engagieren will findet tausend Möglichkeiten … und umgekehrt: wird dazu nicht bereit, der findet tausend Ausreden. Ich glaube an Sie. Wir alle hier in diesem Saal glauben fest an Sie — Sie werden eine Möglichkeit finden und Sie werden sich engagieren.

Damit komme ich ganz kurz noch zu Ihnen, hochgeschätzte Mitglieder des Lehrkörpers.

In einem Vortrag von 1936 über die Schule — äusserst lesenswert noch heute — hat Albert Einstein gesagt, dass die einzige Quelle des Respekts der Schülerinnen und Schüler, die menschlichen und intellektuellen Quali-täten der Lehrperson sein dürfen. Nur so sei es möglich, dass die Schulen selbständig handelnde und den-kende Individuen «heranbilden», die — und jetzt schliesst sich der Kreis — im Dienst an der Gemeinschaft ihre höchste Lebensaufgabe sehen. Liebe Lehrerinnen und Lehrer, dafür braucht es Lehrerinnen und Lehrer gerade so wie Sie. Wir alle sind Ihnen sehr dankbar dafür.

Geschätzte Damen und Herren:
• gefreute Eltern
• fähige und berufene Maturandinnen und Maturanden
• menschliche und intellektuelle Lehrerinnen und Lehrer

… was will man mehr? Ich als Bildungsdirektor sicher nichts. Ich gehe heute nach Hause und bin wunschlos glücklich.

Und Ihnen wünsche ich allen alles Gute.