Karl Heinrich Gyr

Der Optimist sagt: «Das Glas ist halb voll!», der Pessimist sagt: «Das Glas ist halb leer!» und der Ingenieur sagt: «Das Glas ist doppelt so gross wie es sein müsste!»

Im Zusammenhang mit der L&G drängt sich natürlich ein technischer Eingangswitz auf. Schon dieser Witz zeigt aber, dass wir zu unseren Ingenieuren Sorge haben müssen. In einer Welt, in welcher unsere Aufmerksamkeit immer stärker von «Aufgeregtheit», «Spektakel» und «Gefühl» geleitet wird, werden der Scharfsinn und die Analysefähigkeit eines Naturwissenschaftlers zum eigentlichen Ereignis. Und Scharfsinn und Analysefähigkeit kennzeichnen auch den promovierten Chemiker und Unternehmer Karl Heinrich Gyr. Deshalb bin ich sehr glücklich, dass ich heute mit Ihnen das Erscheinen einer Biographie über sein Leben und Werk feiern darf.

Wie bei so vielen Zugerinnen und Zugern, berührt die Geschichte von Karl Heinrich Gyr und der L&G auch meine Familie. Mein Grossvater war zwar nicht Ingenieur bei der L&G, aber Eichmeister - und ohne die geht ja gerade beim Messen nichts. Und dann hatte ich auch noch einen Onkel Otti, der bei der L&G im Solde stand. Man sieht es auf den ersten Blick: Unsere Familiengeschichte ist mit der Geschichte der L&G verwoben, und so ist auch die jüngere Geschichte des Kantons Zug mit der L&G verwoben. Die L&G betrifft die Zugerinnen und Zuger, und bewegt die Zuger Gemüter - letztmals bei der Abstimmung über den käuflichen Erwerb des ehemaligen L&G-Gebäudes. Auch wenn man heute korrekterweise vom «ehemaligen Zuger Traditionsunternehmen» reden muss, dann steckt doch immer noch eine gehörige Portion Zug und Zuger Herz drin - daran besteht kein Zweifel.

Mit den Veränderungen bei der L&G ist die Industrie natürlich nicht aus dem Kanton Zug verschwunden. Ich erinnere daran, dass die Siemens noch immer der grösste Arbeitgeber im Kanton Zug ist. Ich erinnere auch sehr gerne daran, dass der Anteil des zweiten Sektors im Kanton Zug auch im schweizweiten Vergleich überdurchschnittlich gross ist. Industriekultur ist also nicht nur ein Produkt der Zuger Vergangenheit, sondern auch das Produkt der Zuger Gegenwart und Zukunft. Und es freut mich ganz besonders, dass sich der Verein «Industriepfad Lorze» für unsere Industriekultur im Kanton Zug einsetzt. Als Bildungs- und Kulturdirektor bin ich darum auch sehr froh, dass wir den Industriepfad Lorze in das Projekt «Kulturwerkstatt Theilerhaus» integrieren können. Gerne weise ich im Zusammenhang mit dem Theilerhaus auch darauf hin, dass es bezüglich dem «Wann?» und der Frage nach dem Standort der Mittelschulen natürlich einen Konnex gibt. Dabei stellt sich aber nicht die grundsätzliche Frage nach dem «ob überhaupt?», sondern tatsächlich nur nach dem «Wann?». Das Projekt «Kulturwerkstatt Theilerhaus» ist nämlich kein Restposten der Mittelschulplanung. Der Aufbau einer Kulturwerkstatt im Theilerhaus ist ein Legislaturziel des Regierungsrates und damit Teil der Strategie des Regierungsrates. Wir erwarten im Frühling 2013 einen Standortentscheid und ab dann wird auch mit dem Theilerhaus wieder vorwärtsgemacht. Es handelt sich also nicht um einen Projektabbruch, sondern um einen Projektunterbruch. Ich freue mich jedenfalls sehr auf das nächste Kapitel in der erfolgreichen Zusammenarbeit zwischen dem Industriepfad Lorze und der Direktion für Bildung und Kultur. Diese Zusammenarbeit funktioniert heute sehr gut und wird auch in Zukunft sehr gut funktionieren. Davon bin ich fest überzeugt.

Ich komme zum Schluss und erlaube mir noch ein paar bildungspolitische Gedanken. Bildung steht ja schliesslich am Anfang von jeder Industrie.

Das Schulwesen ist keine exakte Wissenschaft. Darum reicht die einmalige Erkenntnis der Wahrheit in der Bildungspolitik nicht. Vielmehr müssen wir diese Wahrheit immer wieder neu beleben und erkämpfen. Ich setze mich im Schulwesen für die folgenden - in Anführungs- und Schlusszeichen - «Wahrheiten» oder «Paradigmen» ein:

1. Weniger ist mehr, Tiefe vor Breite. Der Schüler soll nicht jeden Gegenstand lernen, sondern lernen, von einem Gegenstand auf den anderen zu schliessen. Also nach dem Motto «Lernen lernen». Deshalb dürfen und müssen wir uns in den Gegenständen begrenzen.

2. Vielfalt statt Einfalt, Raum für Eigeninitiative. Es muss Raum geben für Veränderung von unten. Wie sollen wir von Lehrpersonen verlangen, dass sie ihren Schülerinnen und Schülern das selbständige Denken beibringen, wenn wir ihnen selbst alles vorschreiben? Wie wollen wir gute Leute für die Schulkommissionen gewinnen, wenn man da - also in den Gemeinden - nicht auch etwas entscheiden kann? Vielfalt statt Einfalt betrifft aber noch weitere Bereiche. Beispielsweise auch den Bereich der Berufslehren und weiterführenden Schulen. Wohin die Monokultur "Matura" führen kann, wird uns gerade auf der ganzen Welt drastisch vor Augen geführt. Es findet eine Nivellierung nach unten statt; das einzige, was mit einer höheren Maturaquote steigt, ist die Jugendarbeitslosigkeit. Das ist eine Fehlentwicklung.

3. Ordnung braucht Raum und Zeit. Ich bin entschieden gegen das ewige «Herumdoktern» an der Schule. Französisch, Englisch, Schulleitungen, Lehrerbildung nach Bologna-System, Integration, Beurteilen und Fördern, LP 21… Ich meine, dass wir das Gleichgewicht zwischen Stillstand und operativer Hektik im Schulwesen noch nicht gefunden haben. Daran sind sicher nicht die Lehrpersonen schuld, daran ist in erster Linie die Erziehungsdirektorenkonferenz schuld. Diese Koordinationsleistung der EDK steht in meinen Augen noch aus.

1. Weniger ist mehr, 2. Vielfalt statt Einfalt und 3. Ordnung braucht Raum und Zeit: Daran - und das passt jetzt wieder bestens zur L&G - will ich mich und meine Arbeit messen lassen. Mein Ziel ist es, dass die Zuger Schulen Weltklasse sind. Die Schulen sollen den Grundstein für den Zuger Erfolg in der Welt legen.

Eine spannende Zuger Industriekultur - das erleben wir hier und jetzt - lebt gleichermassen von der Industriegeschichte und der Industriezukunft in unserem Kanton. Und an der Geschichte und an der Zukunft von unserem Kanton wollen wir miteinander arbeiten. Lieber Ueli, geschätzte Damen und Herren, ich danke Ihnen sehr herzlich für Ihr Engagement und Ihre Aufmerksamkeit. Ich wünsche Ihnen allen alles Gute. Herzlichen Dank!