«Im Bildungswesen wird Wissen mit anderen geteilt»

Interview im Infomium 2018/1 der PH Zug

Als Regierungsrat und Bildungsdirektor arbeitet Stephan Schleiss mit verschiedenen Institutionen zusammen. Im folgenden Interview äussert er sich dazu, was es braucht, damit eine Kooperation gelingt.

Stephan Schleiss, wie funktioniert im Bildungsbereich die Zusammenarbeit zwischen dem Kanton und den Gemeinden?

Ich erlebe die Zusammenarbeit zwischen der Direktion für Bildung und Kultur (DBK) und den gemeindlichen Schulen als sehr gut. Die überschaubare Grösse des Kantons Zug mit elf Gemeinden hilft dabei. Man kennt sich im Kanton Zug und die DBK bemüht sich um Nähe. Ich gehe zum Beispiel regelmässig auf Schulbesuch. Und mit der Schulpräsidentenkonferenz und der Rektorenkonferenz gibt es zwei institutionalisierte Austauschgefässe.

Sehen Sie noch Verbesserungspotenzial?

Die Trennung zwischen operativer und strategischer Ebene können wir noch schärfen. Wir sind momentan mit einer Arbeitsgruppe daran, das komplexe Konstrukt zu vereinfachen. Grob gesagt sollen in Zukunft die Schulpräsidentenkonferenz zusammen mit der DBK-Leitung die strategischen Ziele vorgeben. Die Rektorenkonferenz und das Amt für gemeindliche Schulen setzen dann die definierten Leitplanken operativ
um. Das ist auch in den Paragrafen 62 und 63 des Schulgesetzes so vorgesehen.

Kooperation kann auch bedeuten, dass man sich an gemeinsam beschlossene Vorgaben halten muss. Welchen Autonomiegrad braucht es jeweils für die einzelnen Schulen bzw. Lehrpersonen?

Ich bin ein Verfechter eines hohen Autonomiegrades. Möglichst viel Verantwortung soll nach unten delegiert werden. Wir haben in der Schweiz 26 unterschiedliche Bildungssysteme, was die Weiterentwicklung unserer Schulen fördert. Der Föderalismus ist ein wunderbarer Nährboden für Fortschritt und Entwicklung, weil
dadurch Wettbewerb entsteht und Fehlentwicklungen gehemmt werden. Beispielswiese können die gemeindlichen Schulen selber entscheiden, ob sie Altersdurchmischtes Lernen (AdL) einsetzen wollen oder nicht. AdL im gesamten Kanton einzuführen, wäre politisch schwierig umsetzbar gewesen. Mit dieser Vorgehensweise können erste Schulen Erfahrungen sammeln und andere zu einem späteren Zeitpunkt folgen, falls sich das Modell bewährt.

Und wo muss die Autonomie einer Schule bzw. Lehrperson aufhören?

Es ist klar, dass es Rahmenbedingungen geben muss, die für alle gelten. Indem man aber zum Beispiel die Fristen für den Vollzug einer Neuerung flexibel gestaltet, kann man die Handlungsfreiheit bereits vergrössern. Dies haben wir beim Projekt «Sek I plus» so gehandhabt. Kleinere Gemeinden können in der Regel Neuerungen schneller umsetzen, weil die Wege kürzer sind. Dafür können grosse Gemeinden Grossprojekte besser stemmen, weil sie dafür eher die dazu notwendigen Ressourcen haben. Autonomie
bedeutet auch Verantwortung und Rechenschaftspflicht. Da kommt dann die Evaluation ins Spiel.

Was ist für Sie eine «gute» Kooperation?

Eine Zusammenarbeit ist dann fruchtbar, wenn beide Seiten davon profitieren können. Kooperation macht nur Sinn, wenn man Gemeinsamkeiten bzw. gleiche Interessen hat. Es ist aber auch eine Frage der Haltung, insbesondere der Leitungspersonen. Es braucht eine gewisse Offenheit. Und Aufwand und Ertrag müssen in einem guten Verhältnis stehen.

Und welches sind mögliche Stolpersteine?

Wichtig ist, dass trotz Kooperation die Verantwortung nicht teilbar ist. Alle beteiligten Führungspersonen
müssen selbst die Verantwortung tragen. Wenn etwas zu kompliziert, zu komplex wird, dann ist eine institutionalisierte Zusammenarbeit in der Regel mehr hinderlich als förderlich. Gute Lösungen sind immer
einfach. Und ein Projekt kann nur dann erfolgreich umgesetzt werden, wenn eine Gemeinde bzw. deren Schulen es mittragen, wenn sie sich mit einer Lösung identifizieren können. Wird etwas von «oben» befohlen, ist das Commitment geringer.

Damit etwas erfolgreich umgesetzt werden kann, müssen also viele Personen vom Sinn und Zweck überzeugt werden.

Genau. Im Studium habe ich mich auch mit Spieltheorie befasst: Es gibt Situationen, in denen der Erfolg des Einzelnen nicht nur vom eigenen Handeln, sondern auch von den Aktionen anderer abhängt. Je nach Projekt kann es Sinn machen, dass man einen Teil des Weges gemeinsam beschreitet und dann wieder getrennt weiterarbeitet. Im Bildungsbereich gilt die Zentralschweiz als Musterregion für erfolgreiche
interkantonale Zusammenarbeit: Dies liegt unter anderem daran, dass sechs eher kleine Kantone
auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Grosse Kantone wie z. B. Zürich oder Bern sind weniger auf Kooperationen angewiesen.

Sie sind seit 2011 Bildungsdirektor. Wie haben sich die gemeindlichen Schulen unter dem Aspekt
«Kooperation» im Kanton Zug entwickelt?

Die gemeindlichen Schulen arbeiten in meinen Augen gut zusammen. Der Qualitätsrahmen ist
durch das Konzept «Gute Schulen» gesetzt. Jede Ebene – Kanton, Gemeinden, Schulen, Teams –
weiss, was sie zu tun hat. Etwas zu entwickeln und anschliessend damit zu arbeiten, sind aber
zwei verschiedene Paar Schuhe. Nun ist Führungsarbeit gefragt. Ziel ist, Ruhe ins Bildungssystem
zu bringen bzw. das Rahmenkonzept «Gute Schulen» in Schwung zu bringen. Dazu gehört auch der Austausch der verschiedenen Ebenen untereinander. Da der Kanton für die übergreifende Aussensicht zuständig ist, fällt ihm mit Blick auf gemeinsame Themen eine besondere Verantwortung zu.

Die PH Zug ist organisatorisch der DBK angegliedert, geniesst als Hochschule aber eine gewisse Autonomie. Wie funktioniert die Zusammenarbeit zwischen der DBK und der PH Zug?

Der gesetzliche Rahmen definiert die Zusammenarbeit. Die DBK ist das Bindeglied zwischen dem Auftraggeber Kanton Zug und der PH Zug. Beispielsweise ist die PH Zug im kantonalen Budgetprozess integriert und muss das Sparpaket des Kantons mittragen. Sie ist auch verpflichtet, auf parlamentarische Vorstösse aus dem Kantonsrat einzugehen. Die heutige Allrounderausbildung für Primarlehrpersonen basiert auf einem im Jahr 2014 eingereichten Postulat.

Wie funktioniert eigentlich die Zusammenarbeit im Regierungsrat?

Die Verantwortung liegt bei allen Geschäften beim Gesamtregierungsrat. Dieser delegiert aber Aufgaben an die sieben Direktionen. Der Regierungsrat will starke Direktionen haben mit einer hohen Autonomie. Eine Stärke der Zuger Verwaltung ist sicherlich, dass die Wege auch über Departementsgrenzen hinweg kurz sind. Grundsätzlich versucht der Regierungsrat, den Konsens zu finden. Oftmals gibt es bei den Regierungsratssitzungen gar keine Abstimmung. Ein Exekutivmitglied muss die Fähigkeit haben, die Departements- und Parteibrille abzulegen, um für ein politisches Geschäft Mehrheiten zu finden.

Sie haben früher für eine Bank gearbeitet. Wann wird in der Privatwirtschaft kooperiert?

Ein Unternehmen schaut primär auf sich selbst. Das Wissen wird in der Regel nicht geteilt, da man sich als Konkurrenz sieht. Zu Kooperationen kann es kommen, wenn man die Möglichkeit sieht, Kosten einzusparen oder die Effizienz zu steigern. Bei uns in der Bank gab es z. B. ICT-Projekte, die wir mit anderen Banken umsetzten. Im Bildungswesen bzw. bei Schulen zeigt man hingegen gerne, was man erarbeitet hat, und teilt sein Wissen mit anderen.

Die Fragen stellte Luc Ulmer, Leiter Kommunikation & Marketing.