Es braucht den Mut zur Selektion

Uni, Zürich ZH

Totgesagte leben bekanntlich länger… und so darf ich Sie heute noch einmal im Namen der D-EDK und als ehemaliger Präsident der D-EDK begrüssen. Ich mache das sehr gerne.

Die D-EDK wurde vor gut drei Wochen, per 31. Dezember 2018, abgeschafft, dies nachdem der Lehrplan 21 nun in schon fast allen Deutschschweizer Kantonen eingeführt ist. Mit diesem gemeinsamen Lehrplan haben wir ein wichtiges Ziel erreicht, und ich möchte es am heutigen Tag ganz sicher nicht unterlassen, allen Beteiligten für die Mitarbeit an diesem grossen Bildungsprojekt noch einmal herzlich zu danken. Politisch darf es nach der intensiven Arbeit am gemeinsamen Lehrplan jetzt wieder ein bisschen mehr föderaler Bildungswettbewerb sein. Die sprachregionale Zusammenarbeit wird weitergehen, aber sie wird wieder etwas «hochschwelliger» werden. Darauf haben sich die drei Deutschschweizer Regionalkonferenzen der EDK verständigt. Subsidiarität ist ein enorm wichtiger Schweizer Erfolgsfaktor. Es gibt diese Subsidiarität aber nicht gratis oder als Lippenbekenntnis, sondern nur mit echtem Handlungsspielraum für die tieferen Ebenen von Staat und Gesellschaft. Die Bildungshoheit der Kantone gehört aus diesem Grund nicht auf den Scheiterhaufen der Geschichte, sondern auf die Liste der besonders lebendigen Traditionen in der Schweiz. Und schon gar nicht gehört die Bildungshoheit der Kantone in die Hände übereifriger National- und Ständeräte. Auch in einem Wahljahr nicht – notabene.

Die Bildungshoheit der Kantone darf nicht schlechtgeredet oder mit Abschottung verwechselt werden – ganz im Gegenteil! Die Teilnahme am Wettbewerb der Ideen setzt eine ganz besondere Mobilität – gerade auch im Kopf – und ein ganz besonderes Interesse an Bildungsfragen voraus. Und in diesem Sinn und Geist sind wir heute hier an der Uni Zürich zusammengekommen, um uns miteinander ein Bild über Beurteilung und Selektion am Übergang Sek I – Sek II zu machen. Darauf freue ich mich enorm.

Vier Punkte oder auch Denkanstösse zum Tagungsthema von meiner Seite:

Erstens: Selektion ist etwas Gutes und Wichtiges. Selektion ist individuell: Welcher Weg passt zu wem? Selektion ist ökonomisch im Sinne der Ressourcen-Allokation. Der Bildungsfranken soll dort eingesetzt werden, wo er am meisten Wirkung erzielt. Jede Selektion ist dabei eine Momentaufnahme und führt in der Schweiz nie in eine Sackgasse. Selektion stärkt und profiliert die verschiedenen Bildungswege und ermöglicht den Aufstieg entlang der individuellen und sich verändernden Fähigkeiten und Ziele. Kurz: Selektion macht Schule und Schüler stark.

Ich komme zum zweiten Punkt: Selektion muss fair sein. Fair heisst in diesem Zusammenhang nachvollziehbar und objektiv. Fair heisst auch, dass sich fachliche Kompetenzen besser messen lassen als überfachliche Kompetenzen. Prof. Oelkers hat in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass wir das Leben unserer Lehrerinnen und Lehrer nicht einfacher machen, wenn wir mit immer komplizierteren Methoden eine scheinbare Messbarkeit herbeiführen, wo es diese Messbarkeit nicht gibt. Mit anderen Worten: Ein Kompetenzraster führt ganz sicher nicht zu weniger Diskussionen mit den Eltern als ein Zeugnis mit Ziffernnoten. Und wir müssen aufpassen, dass wir nicht eine Messbarkeit aufwendig vorgaukeln, wo es keine objektive Messbarkeit geben kann. In einem solchen Fall ist Mut zur Lücke a) ehrlicher und b) weniger aufwendig. Das ist ja auch in der Bildung nicht verboten.

Der dritte Punkt ist jetzt ein Zuger Punkt, aber wir sind nicht der einzige Kanton, der betroffen ist. Im Kanton Zug kennen wir den prüfungsfreien Übertritt am Übergang Primarstufe - Sek I und auch am Übergang Sek I - Sek II. Wir stellen fest, dass die Übertrittsquote ans Gymnasium eigentlich nur eine Richtung kennt. Darunter leidet nicht nur die Berufsbildung, auch FMS und WMS bekommen zu spüren, dass die guten Sekschüler von damals heute Gymnasiasten sind. Wir stellen zudem sehr grosse Unterschiede bei diesen Übertrittsquoten zwischen vergleichbaren Gemeinden fest. Die bis heute ergriffenen Massnahmen (Attraktivitässteigerung Sek, Orientierungswerte, Rückmeldegespräche, …) greifen nicht. Und wir nehmen den Befund des Bildungsberichts zur Kenntnis, dass der prüfungsfreie Übertritt nicht in erster Linien Chancen für bildungsferne Überflieger schafft, sondern bildungsnahe Minderleister ans Gymnasium bringt. Der prüfungsfreie Übertritt ist, man kann es drehen und wenden wie man will, nicht chancengerecht.

Chancengerechtigkeit führt mich zum vierten und letzten Punkt. Ich warne davor, das Glück in der leistungsgetrennten Oberstufe zu suchen. Und ich bin sehr froh, dass der Fortbestand der leistungsgetrennten Oberstufe im Kanton Zug eine politische Handlungsrichtlinie ist. Das Aufschieben von Selektionsentscheiden und die politisch gesteuerte Nivellierung nach unten führen nicht zu mehr Chancen und auch nicht zu mehr Chancengerechtigkeit. Ganz im Gegenteil.  Gerecht ist, was Chancen schafft. Das Schweizer Bildungssystem ist ein Bildungssystem mit einer der grössten Integrationsleistungen weltweit – und schafft im Ergebnis Chancen am Laufmeter, die über die unterschiedlichsten Bildungswege realisiert werden können. Zu diesem Bildungssystem Sorge zu tragen, heisst, zu allen Bildungswegen Sorge zu tragen. Das geht nicht ohne Mut zur Selektion.

Und wir dürfen –  ja wir müssen! – mutig sein, denn Selektion macht unsere Schule und unsere Schüler stark.