Die Stimme der Kunst

Burgbachkeller, Zug

Ich freue mich sehr, Sie an der diesjährigen Jahresversammlung des Innerschweizer Schriftstellerinnen- und Schriftstellervereins hier in Zug begrüssen zu dürfen.

Werfen wir einen Blick auf ein paar neuere Bücher von Zuger Autorinnen und Autoren: Der Roman «Allein oder mit andern» von Theres Roth-Hunkeler spielt in Dänemark, Erna Käppeli berichtet in «Leben im Dazwischen» vom Alltag und von den gesellschaftlichen Veränderungen in der Mongolei. Elisabeth Wanderle-Deck folgt in «Das Heimweh der Meeresschildkröten» einer Operndiva auf Tournee entlang der Donau, Andreas Grosz berichtet in «Zwei gottlos schöne Füchslein» aus dem Kanton Uri, Trudi von Fellenberg-Bitzi portraitiert Emilie Lieberherr und Max Huwyler erzählt in «Jakobs Auswanderung» Geschichten und Anekdoten aus Zug. Oder denken wir auch an den grossen «Heimkehr» Roman von Thomas Hürlimann – die Neue Zürcher Zeitung sprach von einem Feuerwerk. Alle gingen sie weg – und alle kamen sie wieder, so fasste die NZZ an gleicher Stelle die Beziehung vieler Schriftstellerinnen und Schriftsteller zu ihrer Heimat zusammen. Das literarische Schaffen der Innerschweiz ist also heute längst mit aller Welt verbunden. Deshalb kann man nicht von einer Innerschweizer Literatur sprechen, aber sicher von einer Innerschweizer Literaturszene.

Die Zuger Literaturszene ist äusserst lebhaft, dank den Literaturschaffenden aber auch dank Veranstaltenden. Die regelmässigen Lesungen und das Festival «Literatur Kompakt» der literarischen Gesellschaft Zug, Veranstaltungen in den Bibliotheken und die Lesebühne «Oswalds Eleven» von Judith Stadlin und Michael van Orsouw bieten den Zugerinnen und Zuger immer wieder die Gelegenheit, Literatinnen und Literaten zu lauschen. Seit ein paar Jahren veranstalten die Zebraphanten Poetry Slams in Zug und ganz junge Slamerinnen und Slamer sammeln erste Bühnenerfahrungen. Das Zentralschweizer Literaturhaus lit.z bringt mit den Sofalesungen junge Schweizer Literatur in die Stuben der Zuger Bevölkerung. Mit Abraxas findet eines der wichtigsten Kinder- und Jugendliteraturfestivals der Schweiz in Zug statt.

Anlässlich der Jubiläumsveranstaltung 1983 (40 Jahre ISSV) sprach Peter von Matt in seinem Referat mit dem Titel «Schreiben in der Innerschweiz» von der Brauchbarkeit des Autors. Es brauche Schriftstellerinnen und Schriftsteller, denn es gebe bei uns eine politische Macht des Staates, die Macht der Wirtschaft und die Macht der Medien. Nebst den offiziellen Mächten müssten weitere Stimmen hörbar werden, so auch die Stimme der Schriftstellerinnen und der Schriftsteller. Die Stimme der Kunst sei weniger laut, nuancierter, hartnäckiger auch, lieblicher und bösartiger zugleich, harmloser und gefährlicher. Sie fahre hinein in die Welt der Schlagwörter und Kompromissformeln, der Sachzwänge und Machbarkeiten. Und dies mit Gefühlen, Lauten des Schmerzes, mit Bilder und Visionen.

Nun feierte der ISSV im vergangenen Jahr bereits sein 75-Jahr-Jubiläum. Heute ist eine weitere, mächtige und laute Stimme dazugekommen – oder besser weitere, mächtige und laute Stimmen – ja schon fast ein Brausen und Rauschen –, nämlich die Stimmen auf den Social-Media-Kanälen. Aber die Aussage von der Wichtigkeit der Stimme der Kunst ist nach wie vor aktuell. Kunst lehrt uns mit anderen Augen zu sehen. Mit anderen Ohren zu hören. Mit einer anderen Nase zu riechen. Mit einer anderen Zunge zu schmecken. Kunst steckt uns in eine andere Haut. Das ist – eben in meinen Augen – die Aufgabe der Kunst und der Künstlerinnen und Künstler: Uns in alle Richtungen auf neue Wege zu führen. Und wir haben Heimweh nach der Kunst, wenn sie nicht da ist. Die Innerschweizer Autorinnen und Autoren verleihen dieser Kunst eine Stimme und eine Heimat – und die Förderung der Stimmen aus der Innerschweiz ist nach wie vor ein zentrales Anliegen der Kulturförderung.

Und als Verein der Innerschweizer Schriftstellerinnen und Schriftsteller ist es auch nach 75 Jahren noch Ihre Hauptaufgabe, den Stimmen der Literaturschaffenden eine Plattform und somit Gehör zu verschaffen. Ihre wichtige Vermittlungsarbeit betrifft nicht nur das Publikum, sondern auch die Vernetzung untereinander und die Kontakte zu Förderinstitutionen, Veranstaltenden und nationalen Akteurinnen und Akteuren. Für Ihr Engagement danke ich Ihnen herzlich im Namen der Zuger Regierung.

Obschon ich anfänglich ausgeführt habe, dass das literarische Schaffen der Innerschweiz sich nicht auf die Region bezieht, leben Sie grösstenteils hier und setzen sich mit der Region auseinander, erheben Ihre Stimme hier und dafür bin ich Ihnen, sehr geschätzte Mitglieder des ISSV und somit Autorinnen und Autoren, dankbar. Dies ist nicht immer einfach und deshalb schliesse ich mit einem Gedicht von Max Huwyler mit dem Titel «Heimat»:

HEIMAT

Ich atme
diese Landschaft
ein
und habe daran
zu beissen

Ich wünsche Ihnen noch eine erfolgreiche und bereichernde Jahresversammlung und danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.